Prism

Homepage: http://labs.mozilla.com/2007/10/prism/
Native Desktop-Anwendungen (also alle auf dem PC installierten Programme mit grafischer Benutzeroberfläche) reagieren blitzschnell auf Eingaben, lassen sich komfortabel bedienen, interagieren mit anderen Desktop-Anwendungen über das Clipboard und Drag-and-Drop und fühlen sich einfach besser, fühlen sich richtig an. Jedenfalls sollte es so sein.
Web-Anwendungen reagieren langsam, lassen sich oft nur unkomfortabel bedienen, ein Drag-and-Drop zwischen Desktop und Elementen der Webanwendung ist in der Regel nicht möglich. Überflüssige Browser-Button stören die Übersichtlichkeit und können bei Benutzung zu Störungen in der Anwendung führen. Jedenfalls ist das oft so.
Aber seit einiger Zeit haben wir ja Web 2.0. Da werden Web-Anwendungen durch Ajax schneller (durch Öffnen eines zweiten Kanals zum Server im Hintergrund). Fortgeschrittene Javascript-Programmierung erlaubt sogar Drag-and-Drop (zumindest innerhalb des Browser-Fensters) und viele andere chicken Spielereien. Auf diese Weise versucht Ajax, den Komfort des Desktop in den Browser zu holen.
Jetzt versucht ein Browser den umgekehrten Weg: Die Mozilla-Labs wollen mit Prism (vor der Umbenennung “WebRunner”) Web-Anwendungen in den Desktop integrieren. Der Browser wird dann nicht mehr benötigt. Die Anwendung fühlt sich wie eine Desktop-Anwendung an und benimmt sich auch so: Bei Bedarf kann auf lokale Ressourcen (Dateien, Datenbanken) zugegriffen oder auch die beschleunigten 3D-Fähigkeiten moderner Grafikkarten genutzt werden.
Es stehen aber die Vorteile einer Web-Anwendungen, wie z. B. einfache Update-Möglichkeiten (geplant sind Mechanismen wie z. B. bei Java Webstart) oder Datenspeicherung auf dem Server weiterhin zur Verfügung.
Soweit die Theorie.
In der Praxis ist das ganze noch etwas langweilig.
Die Installation unter Linux ist einfach. Download eines Archives (tar.bz), auspacken des Archives, verschieben des entstehenden Ordners prism nach /usr/local/src, aus Bequemlichkeitsgründen noch einen Symbolischen Link nach /usr/local/bin und fertig.
Der Aufruf von prism öffnet eine Dialogbox, in die ein Url eingetragen werden kann (z. B. http://calendar.google.com). Nach Klick auf “ok” öffnet sich die angegebene Applikation in einem eigenen Fenster (siehe Abbildung unten). Ausprobiert habe ich Google Calendar und Google Spreadsheet. Mehr spannendes passiert aber nicht. Zusätzliche Features (wie Drag-and-drop) stehen nicht zur Verfügung. Gut, ich kann mir noch ein Icon auf den Desktop legen lassen, damit ich die Anwendung per Doppelklick starten kann. Aber spezifische Features werden speziell programmiert werden müssen.
Prism versteht sich als Konkurrenzprodukt zu Apples AIR und Microsofts Silverlight, kann man der Mozilla Web-Seite sowie den News-Portalen entnehmen. Mhm. Silverlight (siehe Wikipedia: Microsoft Silverlight) ist Microsofts Versuch, Adobes Flash Konkurrenz zu machen. Flash ist eine Entwicklungsumgebung zur Erstellung multimedialer Inhalte, sogenannter Flash-Filme. Das scheint mir etwas völlig anderes zu sein, als Webanwendungen auf den Desktop zu bringen.
Die Nähe zu Adobes AIR ist allerdings tatsächlich gegeben. “Das Ziel von AIR ist es, Web- und Desktop-Applikationen zu verschmelzen, um die jeweiligen Vorteile zu nutzen. So können die Applikationen direkt aus dem Web aufgerufen werden, aber die Zwischenablage oder Desktop- und System-Tastenkürzel können auch genutzt werden. Die Anwendung läuft selbstständig auf dem Desktop ohne einen Browser. Adobe nennt das Verfahren ein ‘Cross-Operating System’” (Wikipedia: Adobe AIR).
Insofern stellt Mozillas Prism eine freie, quelloffene Alternative zu Adobes proprietärem AIR da. Nun kann man nicht davon sprechen, dass AIR sich bereits am Markt durchgesetzt hat. Prism käme insofern also zur rechten Zeit.
Offen bleibt aus meiner Sicht, welche Vorzüge der Ansatz gegenüber ausgereiften Ajax-Anwendungen wie Googles Docs & Spreadsheet tatsächlich zu bieten hat. Vorteile könnten da beginnen, wo auch offline weitergearbeitet werden kann (also auch dann, wenn die Internet-Verbindung gerade einmal nicht funktioniert) und Dateien ohne Verrenkungen lokal gespeichert und auch wieder geladen werden können.

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